Skip to content

Der Graph

Evident Flow bildet die gesamte Organisation in einem einzigen gerichteten azyklischen Graphen (DAG) ab. Dieser Graph verbindet, was in klassischen Unternehmenstools getrennt lebt: Organisationsstruktur, Rollen, Personen, Fähigkeiten, Ziele und strategische Treiber. Das Ergebnis ist ein Kausalmodell, das nicht nur zeigt, wer wo sitzt — sondern warum welche Entscheidung welche Wirkung entfaltet.

Ein klassisches Organigramm zeigt Hierarchie: Wer berichtet an wen. Mehr nicht. Es beantwortet keine der Fragen, die Führungskräfte wirklich beschäftigen: Welche Fähigkeiten fehlen uns? Welches Team hat den größten Hebel auf unsere Strategie? Warum erreichen wir bestimmte Ziele nicht?

Evident Flow nutzt die Logik kausaler Graphen, wie sie Judea Pearl in seinen Arbeiten zu strukturellen Kausalmodellen beschrieben hat. Die zentrale Idee: Beziehungen zwischen Elementen haben eine Richtung und eine Bedeutung. Eine Rolle verursacht nicht ein Ziel, aber sie verantwortet es. Ein Ziel erzeugt nicht automatisch Wirkung auf einen Treiber, aber es wirkt auf ihn — als Hypothese, die sich bestätigen oder widerlegen lässt.

Der Graph bildet diese kausalen Beziehungen explizit ab. Dadurch entsteht ein Modell, das drei Dinge gleichzeitig ermöglicht:

  • Beobachten: Die Value Map kartografiert iterativ die Realität des Unternehmens. Welche Treiber beeinflussen das Verhalten der Stakeholder? Wo liegen die kausalen Zusammenhänge?
  • Intervenieren: Der Evident Flow Index (EFI) berechnet auf Basis des Graphen, welche Ziele den größten Impact bei geringstem Aufwand haben. Die Frage wird von “Was ist wichtig?” zu “Wo erzielen wir die größte Wirkung?” verschoben.
  • Szenarien durchspielen: Im strategischen Prozess lassen sich kontrafaktuale Fragen stellen: Was passiert, wenn sich Rahmenbedingungen ändern? Wie könnten wir scheitern? Welche Treiber verlieren an Relevanz?

Ein gerichteter azyklischer Graph (DAG) hat zwei Eigenschaften: Kanten haben eine Richtung und es gibt keine Kreise. Das ist eine bewusste Modellentscheidung.

In der Realität existieren Rückkopplungen. Eine gut besetzte Rolle beeinflusst die Zielerreichung, und die Zielerreichung beeinflusst die Entwicklung der Person in der Rolle. Evident Flow versucht jedoch nicht, das gesamte Unternehmen als autonomes System zu simulieren. Der Graph dient einem konkreten Zweck: Zum jeweiligen Zeitpunkt die bestmögliche Entscheidung über den Einsatz begrenzter Ressourcen zu treffen. Die Azyklizität macht diese Berechnung erst möglich — ohne sich in der Komplexität einer Gesamtmodellierung zu verlieren.

Der Graph besteht aus verschiedenen Knotentypen, die jeweils einer Klasse zugeordnet sind.

Alle strukturellen Einheiten des Unternehmens sind Knoten der Klasse OrgUnit. Jede OrgUnit wird durch eine spezifischere Unterklasse präzisiert:

KnotentypBedeutungBeispiel
OrgUnit:CompanyDas Unternehmen selbstEvident GmbH
OrgUnit:DepartmentEine AbteilungProduktentwicklung
OrgUnit:TeamEin Team innerhalb einer AbteilungMobile-Team

Die Hierarchie ist nicht auf drei Ebenen festgelegt. Je nach Unternehmen kann der Graph eine flache Startup-Struktur mit zwei Ebenen ebenso abbilden wie eine Konzernstruktur mit sechs Ebenen oder cross-funktionale Einheiten, die quer zur Linienhierarchie liegen. Die OrgUnit-Klasse ist bewusst flexibel gehalten, weil jedes Unternehmen seine eigene Struktur hat.

Evident Flow trennt konsequent zwischen Rollen und den Menschen, die sie ausfüllen. Eine Rolle ist ein eigenständiger Knoten im Graph mit folgenden Eigenschaften:

EigenschaftBeschreibungBeispiel
TitelDie Bezeichnung der RolleHead of Product
ResponsibilitiesZuständigkeiten aus dem VerantwortungsdialogProduktstrategie, Roadmap-Priorisierung
PrivilegesBefugnisse und HandlungsspielräumeBudgetentscheidungen bis 100K, Produktentscheidungen Produkt A

Eine Rolle gehört zu genau einer OrgUnit. Ihre Beschreibung ist kein statisches Dokument, sondern wird im Verantwortungsdialog regelmäßig überprüft und angepasst. Stellt das Unternehmen fest, dass eine Rolle unklar definiert ist oder eine Lücke besteht, werden die Eigenschaften des Knotens einfach erweitert.

Jede Person ist ein eigener Knoten, getrennt von ihrer Rolle:

KnotentypBedeutung
Person:EmployeeFestangestellte Mitarbeitende
Person:FreelancerExterne Mitarbeitende

Die Trennung von Person und Rolle ist kein technisches Detail. Sie bildet die Realität ab: Eine Person kann mehrere Rollen ausfüllen, eine Rolle kann temporär unbesetzt sein, und die Eigenschaften einer Person (ihre Fähigkeiten, ihre Erfahrung) sind etwas anderes als die Anforderungen einer Rolle.

Fähigkeiten (Skills) und Eigenschaften (Traits) sind eigene Knoten im Graph. Sowohl Personen als auch Rollen haben Beziehungen zu ihnen — aber unterschiedliche:

  • Eine Person hat bestimmte Skills und Traits (Ist-Zustand)
  • Eine Rolle erfordert bestimmte Skills und Traits (Soll-Zustand)

Durch diese Modellierung wird sichtbar, wo die Besetzung einer Rolle gut passt und wo Lücken bestehen. Das ermöglicht gezielte Personalentwicklung, die über das übliche Bauchgefühl hinausgeht. Wenn Mitarbeitende diese Transparenz wollen, lassen sich sowohl fachliche Fähigkeiten als auch persönliche Eigenschaften abbilden — und sogar in der Zieldefinition und Kommunikation auf die individuellen Stärken eingehen.

Die Kanten des Graphen sind gerichtet und typisiert. Jede Kante hat eine spezifische Bedeutung:

BeziehungVonZuBedeutung
FÜLLT_AUSPersonRolleEine Person besetzt eine Rolle
GEHÖRT_ZURolleOrgUnitEine Rolle ist Teil einer Organisationseinheit
GEHÖRT_ZUOrgUnitOrgUnitHierarchische Zugehörigkeit (Team → Abteilung → Unternehmen)
VERANTWORTETRolleZielEine Rolle ist Owner eines Ziels in der Flow Pipeline
WIRKT_AUFZielTreiberEin Ziel hat einen geschätzten Impact auf einen Treiber der Value Map
ZAHLT_EIN_AUFZielZielEin Teilziel zahlt auf ein übergeordnetes Ziel ein
BLOCKIERTZielZielEin Ziel ist von einem anderen abhängig
HATPersonSkill/TraitEine Person verfügt über eine Fähigkeit oder Eigenschaft
ERFORDERTRolleSkill/TraitEine Rolle setzt eine Fähigkeit oder Eigenschaft voraus

Diese Beziehungen verbinden den organisationalen Teil des Graphen (Personen, Rollen, Teams) mit dem strategischen Teil (Ziele, Treiber, Value Map). Das Bindeglied ist die Rolle: Sie gehört zur Organisation und verantwortet Ziele, die auf strategische Treiber wirken.

Was der Graph für Führungskräfte leistet

Section titled “Was der Graph für Führungskräfte leistet”

Der größte Vorteil dieser vernetzten Betrachtung liegt nicht in der technischen Modellierung, sondern in dem, was sie ermöglicht: empfängerzentrierte Kommunikation.

Der Graph kennt den Kontext jeder Person: Welche Rolle sie ausfüllt, in welchem Team sie arbeitet, welche Ziele sie verantwortet, auf welche Treiber diese Ziele wirken, welche Fähigkeiten sie mitbringt. Wenn eine Führungskraft Strategie und Ziele kommuniziert, kann diese Kommunikation auf der richtigen Ebene, im richtigen Kontext und mit den richtigen Worten stattfinden — zugeschnitten auf den Empfänger, nicht auf den Sender.

Darüber hinaus beantwortet der Graph Fragen, die ein klassisches Organigramm nicht stellen kann:

  • Welche Skills fehlen uns, um ein strategisches Ziel zu erreichen?
  • Welche Rollen haben den größten Hebel auf unsere Value Map?
  • Wo gibt es Lücken zwischen den Fähigkeiten einer Person und den Anforderungen ihrer Rolle?
  • Welche Teams sind an den meisten strategischen Zielen beteiligt — und damit potenzielle Engpässe?

Der Graph ist nicht nur ein Denkmodell. Er ist gleichzeitig die Datenstruktur, auf der der Evident Flow Agent als Software operiert. Konzeptionelles Modell und technische Umsetzung sind dasselbe: Wer den Graph versteht, versteht auch, wie das System arbeitet.

Die Ersterfassung des Graphen erfolgt in wenigen Tagen konzentrierter Workshop-Arbeit. In diesen Workshops wird das gesamte Kontextbild des Unternehmens erfasst — Organisationsstruktur, Rollen, Ziele, Treiber, Beziehungen. Ab diesem Zeitpunkt entwickelt sich der Graph automatisch mit jeder Veränderung weiter: Jeder neue Verantwortungsdialog, jedes neue Ziel in der Flow Pipeline, jede Anpassung der Value Map aktualisiert den Graphen. Es entsteht kein dauerhafter Zusatzaufwand, weil die Pflege des Graphen kein separater Prozess ist — sie ist Teil der normalen Arbeit mit dem Framework.

Der Graph ist das verbindende Element zwischen den Schichten des Evident Flow. Er verknüpft:

  • Die Value Map (strategische Treiber) mit den Zielen der Flow Pipeline
  • Die Ziele mit den Rollen, die sie verantworten
  • Die Rollen mit den Personen und ihren Fähigkeiten
  • Die Organisationsstruktur mit der strategischen Ausrichtung

Damit ist der Graph nicht eine weitere Darstellung der Organisation — sondern das Modell, auf dem die Mechanismen des Frameworks operieren. Der EFI berechnet Prioritäten entlang der Kanten zwischen Zielen und Treibern. Das Confidence Level kaskadiert entlang der Beziehungen zwischen Zielen. Die Kaskadierung folgt den Beziehungen zwischen Zielen und Teilzielen. Der Graph ist die Infrastruktur, auf der Evident Flow arbeitet.