Rollen und Verantwortlichkeiten
Eigenverantwortliches Arbeiten mit Zielen setzt voraus, dass Rollen und Verantwortlichkeiten geklärt sind. Evident Flow behandelt diese Klärung nicht als einmaligen Akt, sondern als fortlaufenden Dialog zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden. Die zentrale Frage lautet nicht „Was steht in der Stellenbeschreibung?”, sondern „Passt das, was wir voneinander erwarten, zu dem, was wir können und wollen?”
Die vier Dimensionen einer Rolle
Section titled “Die vier Dimensionen einer Rolle”Jede Rolle im Unternehmen lässt sich entlang von vier Dimensionen beschreiben. Erst wenn alle vier Dimensionen geklärt und aufeinander abgestimmt sind, kann eine Person ihre Rolle wirksam ausfüllen.
| Dimension | Frage | Ebene |
|---|---|---|
| Wollen | Will ich diese Verantwortung übernehmen? Passt sie zu meinen Werten und meiner Motivation? | Person |
| Können | Habe ich die Fähigkeiten und das Kontextwissen, um dieser Verantwortung gerecht zu werden? | Person |
| Sollen | Was wird von mir erwartet? Wem gegenüber bin ich rechenschaftspflichtig? | Organisation |
| Dürfen | Habe ich die Befugnisse, Ressourcen und den Handlungsspielraum, um verantwortlich handeln zu können? | Organisation |
Die ersten beiden Dimensionen liegen bei der Person: Motivation und Kompetenz. Die letzten beiden liegen bei der Organisation: Erwartungen und Befugnisse. Verantwortung entsteht erst im Zusammenspiel aller vier — fehlt eine Dimension, entstehen vorhersagbare Probleme.
Was passiert, wenn eine Dimension fehlt
Section titled “Was passiert, wenn eine Dimension fehlt”- Wollen fehlt: Die Person erfüllt ihre Aufgaben formal, aber ohne inneres Engagement. Über Zeit entsteht Resignation oder innere Kündigung. Wie Führungskräfte mit dieser sensiblen Situation umgehen, verdient eine eigene, vertiefte Auseinandersetzung.
- Können fehlt: Die Person will, darf und soll — aber ist überfordert. Fehler häufen sich, Frustration wächst auf beiden Seiten. Die Lösung liegt oft in gezielter Entwicklung oder einer Anpassung des Rollenzuschnitts.
- Sollen fehlt: Niemand hat klar ausgesprochen, was erwartet wird. Es entstehen diffuse Zuständigkeiten und willkürliche Entscheidungen darüber, wer was tut.
- Dürfen fehlt: Die Person weiß, was sie tun soll, und könnte es auch — aber hat nicht die Befugnisse oder Ressourcen dafür. Das Ergebnis ist Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit.
Der Verantwortungsdialog
Section titled “Der Verantwortungsdialog”Eine Rollenbeschreibung ist ein Dokument. Der Verantwortungsdialog ist der Prozess, durch den dieses Dokument entsteht, lebendig bleibt und an veränderte Realitäten angepasst wird.
Das Wort „Ver-Antwort-ung” trägt den Kern bereits in sich: Es geht um das Antworten auf die Anforderungen, die sich aus einer Rolle ergeben. Verantwortung ist kein statischer Zustand, der einmal zugewiesen wird, sondern ein dynamischer Prozess, der aktiver Aushandlung bedarf.
Der Dialog folgt einem klaren Ablauf:
- Kontext klären: Führungskraft und Mitarbeitende schaffen ein gemeinsames Verständnis darüber, was die Rolle im aktuellen Kontext erfordert. Was hat sich verändert? Welche neuen Anforderungen sind entstanden?
- Vier Dimensionen durchgehen: Für jede Dimension wird geprüft, ob sie noch passt. Stimmt das Wollen noch? Reicht das Können für die neuen Anforderungen? Sind die Erwartungen (Sollen) klar und realistisch? Sind die Befugnisse (Dürfen) ausreichend?
- Lücken und Spannungen benennen: Wo eine Dimension nicht mehr passt, wird das offen angesprochen — ohne Schuldzuweisung, mit dem Ziel einer gemeinsamen Lösung.
- Vereinbarungen treffen: Konkrete Anpassungen werden festgehalten. Das kann eine Erweiterung der Befugnisse sein, eine Weiterbildung, eine Neuverteilung von Zuständigkeiten oder die ehrliche Erkenntnis, dass eine Rolle nicht mehr zur Person passt.
- Dokumentieren und terminieren: Die Vereinbarungen fließen in die Rollenbeschreibung ein. Der nächste Dialog wird terminiert.
Wann der Dialog stattfindet
Section titled “Wann der Dialog stattfindet”Der formale Verantwortungsdialog findet alle sechs Monate statt — als eines der definierten Rituale im Evident Flow. Aber der Dialog beschränkt sich nicht auf diesen Termin. Die monatlichen Walk-in-the-Park-Gespräche dienen explizit dazu, Impulse für Anpassungen der Rollen aufzunehmen. Wenn sich Rahmenbedingungen wesentlich ändern — ein neues Ziel in der Flow Pipeline, ein Teamwechsel, eine strategische Neuausrichtung — kann und soll der Dialog auch situativ geführt werden.
Befugnisse konkret dokumentieren
Section titled “Befugnisse konkret dokumentieren”Die Dimension Dürfen wird oft zu vage gehalten. Eine wirksame Rollenbeschreibung macht Befugnisse explizit. Typische Bereiche, die dokumentiert werden sollten:
- Budgetentscheidungen: Bis zu welchem Betrag darf eigenständig entschieden werden? Ab wann ist eine Freigabe erforderlich? (z.B. „Eigenständige Budgetentscheidungen bis 50.000 €, darüber Freigabe durch VP”)
- Personalentscheidungen: Darf die Rolle eigenständig einstellen? Abmahnungen aussprechen? Freelancer beauftragen?
- Produktentscheidungen: Welche Entscheidungen über Features, Prioritäten oder Roadmap liegen in der Hand dieser Rolle?
- Prozessentscheidungen: Darf die Rolle Prozesse innerhalb ihres Bereichs eigenständig verändern?
- Eskalationsrechte: In welchen Fällen darf oder muss die Rolle Entscheidungen eskalieren?
Welche Befugnisse relevant sind, hängt von der konkreten Rolle und dem Unternehmen ab. Entscheidend ist nicht die Vollständigkeit, sondern die Klarheit: Wo immer im Alltag Unsicherheit darüber entsteht, ob jemand etwas entscheiden darf, fehlt eine explizite Befugnis in der Rollenbeschreibung.
Funktionale und kooperative Verantwortung
Section titled “Funktionale und kooperative Verantwortung”Evident Flow unterscheidet zwei Arten von Verantwortung, die beide im Verantwortungsdialog adressiert werden.
Funktionale Verantwortung
Section titled “Funktionale Verantwortung”Die funktionale Verantwortung umfasst die spezifischen Aufgaben und Pflichten, die mit einer Rolle verbunden sind. Sie beantwortet die Frage: „Wofür bin ich zuständig?” Ein Head of Product ist funktional verantwortlich für die Produktstrategie und die Priorisierung der Feature-Pipeline. Ein Engineering Lead ist funktional verantwortlich für die technische Architektur und die Lieferfähigkeit des Teams.
Diese Verantwortung wird im Verantwortungsdialog direkt geklärt und in der Rollenbeschreibung dokumentiert.
Kooperative Verantwortung
Section titled “Kooperative Verantwortung”Die kooperative Verantwortung geht über den eigenen Bereich hinaus. Sie beantwortet die Frage: „Wie stelle ich sicher, dass meine Arbeit für andere anschlussfähig ist?” Kooperative Verantwortung zeigt sich überall dort, wo Arbeit über Teamgrenzen hinweg zusammenwirken muss.
Konkret bedeutet das:
- Abhängigkeiten aktiv managen: Wenn ein Ziel in der Flow Pipeline von der Zuarbeit eines anderen Teams abhängt, liegt es in der kooperativen Verantwortung des Owners, diese Abhängigkeit frühzeitig zu klären — nicht erst im Quartal-Workshop.
- Informationen proaktiv teilen: Die Kommunikation an den Zielen (siehe Kontextbasierte Kommunikation) funktioniert nur, wenn alle Beteiligten ihre Perspektive einbringen. Kooperative Verantwortung heißt: nicht warten bis man gefragt wird.
- Konflikte über Ziele sichtbar machen: Wenn die Kaskadierung zeigt, dass ein abhängiges Ziel nicht ins Quartal aufgenommen wird, beginnt die kooperative Verantwortung — nämlich aktiv das Gespräch zu suchen, statt die Blockade stillschweigend hinzunehmen.
- Ergebnisse anschlussfähig liefern: Der Abschluss eines Ziels (Stage Reflect in der Flow Pipeline) schließt ausdrücklich ein Review durch angrenzende Organisationseinheiten ein. Kooperative Verantwortung bedeutet, an diesem Review teilzunehmen und ehrliches Feedback zu geben.
Die kooperative Verantwortung wird seltener explizit dokumentiert als die funktionale, ist aber oft die Stelle, an der Zusammenarbeit scheitert. Der Verantwortungsdialog sollte deshalb beide Arten adressieren: „Wofür bist du zuständig?” und „Wie stellst du sicher, dass das, was du tust, für andere funktioniert?”
Rollen im Org Graph
Section titled “Rollen im Org Graph”Evident Flow trennt konsequent Personen von Rollen. Im Org Graph sind beide als eigenständige Knoten modelliert. Eine Person kann mehrere Rollen einnehmen, und eine Rolle kann theoretisch von mehreren Personen ausgefüllt werden.
Jede Rolle im Org Graph enthält:
- Titel — die Bezeichnung der Rolle
- Verantwortlichkeiten (Responsibilities) — das Sollen: Was wird erwartet?
- Befugnisse (Privileges) — das Dürfen: Welche Entscheidungen darf die Person treffen? Welches Budget steht zur Verfügung?
Die Dimensionen Wollen und Können sind personengebunden und werden nicht im Org Graph abgebildet, sondern im Verantwortungsdialog besprochen. Die Skills und Traits im Org Graph ermöglichen es jedoch, die Passung zwischen Person und Rolle systematisch zu prüfen: Bringt die Person die Fähigkeiten mit, die die Rolle erfordert?
Verantwortung und Ziele
Section titled “Verantwortung und Ziele”Die Rollenklärung ist kein Selbstzweck — sie ist die Grundlage dafür, dass die Arbeit mit Zielen in der Flow Pipeline funktioniert. Die Verbindung ist direkt:
- Owner-Prinzip: Jedes Ziel in der Flow Pipeline gehört genau einem Owner. Dieser Owner braucht alle vier Dimensionen, um das Ziel wirksam steuern zu können — das Wollen, das Können, das Sollen und das Dürfen.
- Kaskadierung: Wenn Ziele an andere Teams kaskadiert werden, entsteht automatisch die Frage: Wer übernimmt die Verantwortung? Und sind alle vier Dimensionen für diese Person geklärt?
- Konflikterkennung: Das Ziele-Paradoxon — Führungskräfte haben das Gefühl, zu viel vorgeben zu müssen, Mitarbeitende fühlen sich eingeengt — ist oft ein Symptom ungeklärter Rollen. Wenn das Dürfen nicht klar ist, entsteht Unsicherheit auf beiden Seiten.
Dysfunktionale Muster erkennen
Section titled “Dysfunktionale Muster erkennen”Im Alltag entstehen Muster, in denen Verantwortung nicht übernommen, verschoben oder stillschweigend umverteilt wird. Die häufigsten:
- Die Führungskraft, die alles selbst macht: Statt zu delegieren, übernimmt sie Aufgaben ihres Teams. Kurzfristig wird das Problem gelöst, langfristig entwickelt sich das Team nicht weiter und die Führungskraft wird zum Engpass.
- Die diffuse Zuständigkeit: Niemand fühlt sich zuständig, weil das Sollen nie explizit gemacht wurde. Im besten Fall passiert nichts, im schlimmsten Fall arbeiten mehrere Teams am selben Thema ohne es zu wissen.
- Die Befugnis ohne Rückendeckung: Eine Person hat formal die Verantwortung, aber ihre Entscheidungen werden regelmäßig überstimmt. Das Dürfen existiert auf dem Papier, aber nicht in der Praxis.
Der Verantwortungsdialog ist das Instrument, um solche Muster sichtbar zu machen und zu korrigieren — nicht durch Schuldzuweisung, sondern durch gemeinsame Analyse der vier Dimensionen.
Voraussetzungen
Section titled “Voraussetzungen”Damit der Verantwortungsdialog wirksam ist, braucht es:
- Vertrauen — beide Seiten müssen offen über Lücken und Spannungen sprechen können, ohne negative Konsequenzen zu befürchten
- Eine aktuelle Value Map — um zu verstehen, welche Rollen für welche strategischen Treiber relevant sind
- Klarheit über die Organisationsstruktur — der Org Graph bildet die Grundlage für die formale Zuordnung von Rollen und Personen
- Regelmäßigkeit — der Dialog muss als festes Ritual verankert sein, nicht als Feuerlöscher bei akuten Problemen